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Vorteile des Erdgas-Lkw

Welche Vorteile bietet Erdgas und für wen sind Gasmotoren eine echte Alternative zum Diesel?

Praxisinfos zu Gas-Lkw

Stefan Ziegert, unser Experte für nachhaltige Transportlösungen, gibt Antworten zu Fragen rund um das Thema Gas-Lkw.

Bei unseren deutschen Nachbarn bekommen Erdgasfahrzeuge Aufwind. Der Staat fördert ihre Anschaffung, befreit sie vorerst von der Maut und gewährt eine Steuerermäßigung auf den Treibstoff. In Österreich ist dazu noch nichts geplant.

Die Lkw-Industrie in Europa muss sich auf schärfere Klimaschutzvorgaben einstellen. Die CO2-Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge sollen bis 2025 um 20 Prozent im Vergleich zu 2019 sinken. Bis 2030 muss der Ausstoß des klimaschädlichen Gases von neuen Lkw um 35 Prozent niedriger sein. Bei Verstößen drohen saftige Strafen. Von 5.000 Euro für jedes überschrittene Gramm Treibhausgas ist die Rede. Laut dem Verband der Automobilindustrie VDA könnte das sogar selbst große Nutzfahrzeughersteller in den Ruin treiben. Die österreichischen Lkw-Importeure geben zu bedenken, dass „diese Ziele mit konventioneller Technologie nicht erreichbar“ seien.

Auch der europäische Autoherstellerverband ACEA zeigt sich alarmiert. Besonders das geforderte Zwischenziel der Klimagasreduzierung bis 2025 würde die Hersteller zwingen, bereits in der Entwicklung befindliche Fahrzeuge nachträglich mit neuer Technik auszurüsten. Die kurze Frist passe nicht zu den langen Entwicklungszyklen bei Nutzfahrzeugen, zumal noch keine Bezugswerte für die Reduzierung vorliegen und damit auch nicht vor Mitte 2020 zu rechnen sein dürfte.

Lkw in der EU tragen zwar fast ein Viertel zu den gesamten CO2-Emissionen im Verkehr bei, jedoch entspricht das laut ACEA gerade einmal fünf Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes. Ein höherer Anteil an Zero- und Low-Emission-Nutzfahrzeugen im Markt könnte für Entspannung sorgen. Jedoch sind manche alternativen Antriebe im Lkw nicht sinnvoll einsetzbar. Ein reiner Batterieantrieb mit tonnenschweren Akkus im Fernlaster ist auch aufgrund der langen Ladezeiten sowie der notwendigen Parkplätze und Ladesäulen auf absehbare Zeit nicht marktfähig.

Hybrid-, Brennstoffzellen- oder Oberleitungs-Lkw sind auch nicht für jeden Einsatzzweck geeignet oder stecken noch in den Kinderschuhen. Schnelle Abhilfe können Fahrzeuge mit Methan-Antrieb schaffen, wie sie auch Scania als CNG- und LNG-Variante im Programm hat. Welche Vorteile Erdgas bietet und für wen Gasmotoren eine echte Alternative zum Diesel darstellen, erklärt Stefan Ziegert, Scania Produktmanager für nachhaltige Transportlösungen, im Gespräch.
 

Alternative mit Zukunfts­charakter

Lkw mit Methan-Motor schonen die Umwelt und rechnen sich wirtschaftlich.

Stefan Ziegert

Produktmanager Nachhaltige Transportlösungen, Scania Deutschland Österreich

Warum sollte ein Kunde auf Erd­gas-Lkw um­schwen­ken?

Lkw mit Methan-Motor sind eine sinnvolle Alternative mit Zukunftscharakter. Sie schonen die Umwelt und rechnen sich wirtschaftlich. Ob komprimiertes oder verflüssigtes Gas spielt dabei keine Rolle. Die CNG- und LNG-Lkw stoßen gegenüber vergleichbaren Diesel-Lkw bereits bei fossilem Erdgas bis zu 15 Prozent weniger CO2 aus. Mit Biomethan kann der Wert bis auf 90 Prozent klettern. Das macht sich gut in der Klimabilanz der Transportunternehmen.

Für wen lohnt sich der Umstieg auf einen Erdgas-Lkw?

Der Umstieg auf den Erdgasantrieb lohnt sich für alle, die jetzt und gleich weniger schädliches Klimagas, Stickoxide, Feinstaub und Partikel emittieren und gleichzeitig ihre Kosten senken wollen. Bei all diesen Kriterien schneidet der Gasmotor besser als der Diesel ab. Kostensenkend wirken der niedrigere Kraftstoffpreis, der Wegfall von AdBlue und der Minderverbrauch auf der Langstrecke durch den höheren Energieinhalt im Methan. All jenen, die ihren Fuhrpark ohnehin erneuern müssen, rate ich dringend, den Gasantrieb ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Welche Jahresfahrleistung stellt hier eine natürliche Grenze dar?

Eine solche Grenze gibt es nicht mehr. Wer im Durchschnitt mehr als 100.000 Kilometer pro Jahr mit dem Lkw fährt, sollte zum LNG-Truck greifen. Wer mehr im Nahverkehr unterwegs ist und jährlich höchstens 100.000 Kilometer zurücklegt, kommt mit einem preisgünstigeren CNG-Lkw vielleicht besser zurecht.

Welche Erdgasmotoren hat Scania dafür im Programm?

Scania bietet derzeit zwei Motoren in drei Leistungsstufen an. Beide eignen sich für CNG und LNG. Die Gasmotoren arbeiten nach dem Prinzip des Ottomotors. Zündkerzen liefern den Funken, um das Erdgas-Luft-Gemisch zu entzünden. Beide Komponenten verbrennen vollständig. Eine Abgasrückführung und ein Drei-Wege-Katalysator übernehmen die Abgasnachbehandlung. Unser Fünfzylindermotor OC9 leistet 280 oder 340 PS. Der größere Sechszylindermotor OC13 bringt es auf 410 PS. Die maximalen Drehmomente reichen von 1.350 bis 2.000 Nm. Damit stehen sie dem Dieselmotor in nichts nach und lassen sich in Sattelzugmaschinen und Lkw-Fahrgestelle bis 40 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht einsetzen.

Welche Scania Baureihen lassen sich mit Erdgasmotoren bestücken?

Grundsätzlich können wir fast alle Baureihen und Gewichtsklassen mit Gasmotoren ausstatten. Prädestiniert sind die P-, G- und R-Baureihe. Damit können Erdgasmotoren im Kommunal-, Baustellen-, Verteiler- und Fernverkehr stattfinden. Selbst große Volumenzüge mit drei Meter Ladehöhe stellen keine Grenze für den Gasantrieb dar. Nur bei echten Schwertransporten über 40 Tonnen müssen wir noch passen.

Mit welchen Einschränkungen müssen Kunden bei Erdgas rechnen?

Einbußen bei der Leistungsentfaltung unserer Gasmotoren oder beim Fahrverhalten und Fahrkomfort braucht niemand zu befürchten. Auch in Sachen Wirkungsgrad und Kraftstoffeffizienz sind sie dem Dieselmotor fast ebenbürtig. Mit einem Erdgas-Lkw ist der Fahrer genauso flott unterwegs wie mit einem vergleichbaren Dieselpendant.

Verbraucht ein Erdgasmotor mehr als ein Dieselmotor?

Nein, tendenziell ist eher mit einem Minderverbrauch zu rechnen, da der Energieinhalt von Erdgas höher liegt.

Wie sieht es mit der Nutzlast bei Gas-Lkw aus?

Aufgrund der aufwendigeren Gastanks beträgt das Mehrgewicht der Gas-Lkw rund 600 Kilogramm, was die Nutzlast etwas einschränkt. Die können zwar über eine Zulassungsordnung in den Papieren eingetragen werden, jedoch erhöht das nicht das zulässige Gesamtgewicht.

Welche Gastankgrößen stehen den Kunden zur Verfügung?

In der CNG-Variante können wir viermal 95 beziehungsweise 118 Liter pro Fahrzeugseite bieten, so dass sich je nach Kombination Fassungsvermögen von 760, 852 oder 944 Liter ergeben. Drei verfügbare LNG-Tanks mit 340, 400 oder 550 Liter erlauben zwischen 740 und 1.100 Liter tiefgekühltes Flüssiggas an Bord.

Welche Reichweiten sind mit einem Gas-Lkw möglich?

Nahverkehrsfahrzeuge für Kommunen, das Baugewerbe oder im Verteilerbetrieb haben mit ihren CNG-Tanks bis zirka 500 Kilometer Reichweite. Sattelzüge mit LNG-Tanks im Fernverkehr kommen bis 1.100 Kilometer weit und Fahrgestelle sogar bis 1.600 Kilometer. Sie haben mehr Platz für große Tanks am Rahmen. Da muss ein Fahrer nicht zwangsläufig häufiger zum Tanken fahren als mit einem Diesel-Lkw.

Wie sieht die Dichte des Tank­stel­len­net­zes für Gas-Lkw heute in Ös­ter­reich aus?

Meines Wissens gibt es aktuell erst eine LNG-Tankstelle, und zwar in Ennshafen. Eine weitere ist in Graz in Planung. Zum Vergleich die Lage in Deutschland: Mit Hamburg, Berlin, Ulm und Nördlingen gibt es im Nachbarland auch erst vier LNG-Stützpunkte. 2025 soll es an den Hauptverkehrsrouten der Europäischen Union alle 400 Kilometer eine LNG-Tankstelle geben. CNG kann dagegen bereits jetzt an 157 Stationen in ganz Österreich getankt werden.

Wäre eine CNG- oder LNG-Tankstelle auf dem eigenen Firmengelände eine Alternative?

Grundsätzlich wäre das möglich, aber für die meisten sicher viel zu kostspielig. Ein Tankstützpunkt für komprimiertes Erdgas kostet etwa 350.000 Euro. Richtig tief in die Tasche müssen diejenigen greifen, die sich für eine LNG-Tankstelle interessieren. Die schlägt mit mindestens ein bis eineinhalb Millionen Euro zu Buche.

Und was machen jene, die international unterwegs sind?

Im Ausland ist die Situation häufig besser. Deutschland hat aktuell 90 für Lkw geeignete CNG-Tankstellen, aber wie erwähnt erst vier LNG-Stationen. England kann auf 28 LNG-Tankstellen verweisen, in den Niederlanden sind es 26, Italien ist mit 21 Stationen dabei, Frankreich hat 23 und Spanien 18 LNG-Tankstellen. Das Netz wächst dort kontinuierlich.

Welche Länder setzen bereits jetzt verstärkt auf Erdgasfahrzeuge?

In einigen Regionen Europas ist der Erdgasantrieb im Lkw ganz normale Praxis. Speziell die Beneluxländer, Frankreich, Spanien, England, Italien und Russland sind hier führend. Österreich und auch Deutschland stehen noch am Anfang, was den Einsatz von Erdgasfahrzeugen betrifft.

Welche konkreten Vorteile hat der Kunde mit Gas­mo­to­ren?

Mit Gas-Lkw sinken die Betriebskosten. Es fallen weniger Treibstoffkosten an, da Erdgas preiswerter als Diesel und der Verbrauch geringer ist. Außerdem könnte die Politik durch Förderungen und Mautbefreiungen zusätzliche Anreize schaffen.

Dafür müssen Kunden beim Kauf der Erd­gas-Lkw tiefer in die Tasche greifen?

Das stimmt. Je nach Variante – also CNG oder LNG – sind die Fahrzeuge zwischen 20 und 35 Prozent teurer.

Was wird denn aktuell in Deutschland alles gefördert?

Beim Kauf von CNG-Fahrzeugen gibt der deutsche Staat bis zu 8.000 Euro dazu. Für LNG-Lkw sind es sogar bis zu 12.000 Euro. Zusätzlich hilft die Mautbefreiung für Erdgasfahrzeuge bis Ende 2020. Für die Zeit danach ist für diese Lkw eine reduzierte Maut im Gespräch. Als dritte Fördersäule hat die deutsche Regierung die Steuerermäßigung für Erdgaskraftstoff jetzt bis 2026 verlängert. Dadurch beträgt die Preisdifferenz zwischen einem Kilogramm Erdgas und einem Liter Diesel etwa 20 bis 30 Cent.

Was kann der Kunde mit einem Gas- statt Die­sel­fahr­zeug im Pra­xis­be­trieb sparen?

Wenn man davon ausgeht, dass CNG/LNG einen Preisvorteil von rund 20 Cent hat und der Kraftstoffverbrauch etwa 10 bis 15 Prozent geringer ist, ergibt sich eine monatliche Einsparung von 600 Euro bei 120.000 Kilometern pro Jahr. Auch die AdBlue-Kosten entfallen. Dadurch ergibt sich eine Einsparung von 7.200 Euro im Jahr. Der Mehrpreis von etwa 30.000 Euro könnte somit auf der Kraftstoffseite nach knapp vier Jahren kompensiert werden. Allerdings haben wir noch höhere Werkstattkosten. Insofern geht die Rechnung nach vier Jahren noch nicht auf, es sei denn, die Kraftstoffkostendifferenz zwischen Gas und Diesel wird größer.

Was müssen Kunden beachten, wenn sie sich für Erdgas entscheiden?

Das Betanken der Fahrzeuge ist im Vergleich zum Diesel anders, dauert aber kaum länger als an einer Dieselsäule. Besonders der Fahrer eines LNG-Lkw muss sich beim Betanken umstellen und einige Sicherheitsroutinen beachten. Dazu gehören beispielsweise das Erden des Fahrzeugs, das Säubern der Anschlüsse und das Anlegen von Schutzhelm mit Visier und Schutzhandschuhen. Ansonsten könnte ihn das minus 130 bis 140 Grad kalte Flüssigerdgas beim Entweichen Kälteverbrennungen an Haut und Gliedmaßen zufügen.

Gibt es auch für den Fahrer Vorteile im Erdgasbetrieb?

Im Vergleich zum Diesel fährt der Gas-Lkw wesentlich leiser. Die Geräuschentwicklung reduziert sich auf 72 dB(A) um rund die Hälfte. An der Performance des Lkw muss er keine Abstriche machen. Und er braucht sich keine Gedanken um Fahrtverbote für bestimmte Straßen oder ganze Innenstadtbereiche wegen zu hoher Stickoxidbelastung zu machen und muss keine Umfahrungen vornehmen. 

Ist ein Erdgasmotor anfälliger auf Störungen als ein Dieselmotor?

Nein. Scania verkauft seit über zehn Jahren Erdgasmotoren. Die Technik ist ausgereift und so funktionssicher wie beim Dieselmotor.

Aber die Wartungsintervalle verkürzen sich mit Erdgasmotoren

Das ist richtig. Lkw mit Erdgasmotor müssen alle 45.000 Kilometer zum Service in die Werkstatt. Dadurch wird der Wartungsaufwand etwas höher und die Wartungs- und Reparaturverträge kosten ein wenig mehr.

Sind bei Scania alle Servicestützpunkte für den Umgang mit CNG- und LNG-Motoren gerüstet?

Nein, noch nicht alle Betriebe haben eine Zertifizierung oder Gasarbeitsplätze. Aber das befindet sich im Aufbau. Bis Mitte 2019 wird schon mehr als die Hälfte aller Scania Stützpunkte dafür qualifiziert sein, sodass Kunden und Fahrer von Gasfahrzeugen keine weiten Wege in Kauf nehmen müssen. 

Kann ich als einzelner mit der Anschaffung von Erdgas-Fahrzeugen das Klima retten?

Sicher nicht. Aber neben der politischen Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, kann jeder ein Stück weit zur Klimarettung beitragen. Nur gemeinsam lässt sich etwas ausrichten.

Welchen Kraftstoffen gehört die Zukunft in der Transportbranche?

Die Zukunft gehört den so genannten e-Fuels. Die biologischen oder synthetischen Kraftstoffe auf Wasserstoffbasis bieten eine hervorragende CO2-Bilanz und viele Vorteile in Bezug auf Stickoxide und Partikel. Der Feinstaub liegt bei Gasmotoren an der Nachweisgrenze. Das Methangas enthält wenig Kohlenstoff und verfügt dafür über das Maximum von Wasserstoff pro Kohlenstoffatom, was für eine saubere Verbrennung sorgt. Die Stickoxidwerte liegen rund 60 Prozent unterhalb derer bei der Dieselverbrennung. Sauberer lässt sich ein Verbrennungsmotor kaum betreiben. Und auf den sind wir noch einige Jahre angewiesen.

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